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Hoch hinaus – Chile, Peru und Bolivien (15.12.02 – 08.01.03)

 

Santiago

Sonntag ist ein ungünstiger Tag, um in einem neuen Land anzukommen. In Santiago haben die meisten Geschäfte geschlossen, die Banken sowieso und die Post natürlich auch. Zur Akklimatisierung an den neuen Kontinent schlendern wir durch die Stadt, gehen essen und verbringen einige Zeit in einem Internetladen. In Tahiti war der Internetzugang unbezahlbar gewesen und auf der Osterinsel hatte er nicht funktioniert. Somit habe ich viel zu tun, um die Emails der letzten 3 Wochen zu lesen und zu beantworten.

Abends gehen wir im Ausgehviertel Santiagos dem Barrio Bellavista essen. Holger probiert ein chilenisches Nationalgericht „Lomo al pobre", was aus einem großen Stück gebratenem Rindfleisch mit 2 Spiegeleiern obendrauf besteht. Dies ist ein ganz schöner Fett- und Cholesterinschocker! Ich bleibe bei einem leichter verdaulicheren Fischgericht.

Am Montagmorgen stürzen wir uns in das Abenteuer Postversand. Die Souvenirs von der Osterinsel und die nicht mehr benötigten Reiseführer sollen per Paket die Heimreise antreten. Da wir uns mitten in der Vorweihnachtszeit befinden, und auch chilenische Großmütter anscheinend gerne ihren Enkeln ein Paket zu Weihnachten schicken, herrscht auf der Hauptpost an der Plaza de Armas Hochbetrieb. Der Paketschalter ist an einem großen Pulk Leute zu erkennen, die sich davor traubenförmig drängen. Nur eine Postbedienstete fertigt in stoischer Ruhe die sichtlich genervten Kunden ab. Eine geordnete Schlangenbildung ist nicht zu erkennen. Zuerst ergattern wir die richtigen Pappkartons und Aufkleber, die für den Überseeversand geeignet sind. Nachdem wir auch Klebeband organisiert haben, verpacken wir unsere Sachen. Dann geht das Gewühle an einem zweiten Schalter weiter, der von der gleichen Frau mit dem schläfrigen Temperament bedient wird. Nach viel Ellenbogeneinsatz und Beharrungsvermögen kommen wir schließlich auch einmal an die Reihe. Nach immerhin zwei Stunden haben wir es dann geschafft. Die Pakete sind auf der Heimreise.

An einem Nachmittag mit strahlendem Sonnenschein fahren wir mit der Funicular (Zahnradbahn) auf den Aussichtsberg Cerro San Cristobal hoch. Aus 865 m Höhe blicken wir auf das Häusermeer der Sechsmillionenstadt Santiago hinab. Das moderne Stadtzentrum mit seinen Hochhäusern ist aus dieser Perspektive einer nordamerikanischen Großstadt nicht unähnlich. Am Rand des Stadtzentrums kann man den Beginn der Anden erkennen. Sogar mitten im Sommer ist in den höheren Lagen noch etwas Schnee zu sehen.

Auf dem Cerro San Cristóbal in Santiago

„Wer Südamerika kennen lernen will, muss Bus fahren." Dieser Satz unserer Osterinselbekanntschaft Jan ist mir im Gedächtnis hängen geblieben. Am Abend dieses Tages beginnen wir die Serie unserer südamerikanischen Langstreckenbusfahrten. Vom Terminal de Buses Alameda brechen wir mit einem Nachtbus nach Caldera auf. Den kleinen Küstenort haben wir mehr oder weniger willkürlich gewählt, da er ungefähr auf halbem Weg zu unserem nächsten Ziel, San Pedro de Atacama, liegt. 13 h Busfahrt liegen vor uns. Von dem Bus bin ich angenehm überrascht. Es ist ein wirklich komfortabler und moderner Reisebus, wie ich ihn in Europa noch nicht gesehen habe. In der Klasse „Semi Cama" kann man den Sitz sehr weit zurückklappen und für die Beine gibt es auch eine Auflage. Ich hätte sogar noch besser schlafen können, wenn nicht der Schnarcher zwei Reihen hinter mehr gewesen wäre.

Der Ort Caldera wirkt dann ernüchternd auf uns. Er liegt bereits am Rand der Atacamawüste. Kurz hinter dem Stadtrand gibt es nur noch Staub, und die Stadt selber hat auch nicht viel grün zu bieten. Auf der Suche nach einem Frühstücksrestaurant haben wir bald den ganzen Ort abgewandert. Also kaufen wir für den nächsten Tag direkt neue Busfahrkarten, lassen unsere Wäsche waschen und vertrödeln den Tag. Am kleinen Hafen gibt es zumindest ein gutes Restaurant, wo ich abends Fisch essen gehe.

Fischerboote in Caldera

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San Pedro de Atacama

Mit einem weiteren Zwischenstopp in der Bergarbeiterstadt Calama gelangen wir schließlich nach San Pedro de Atacama. Damit haben wir von Santiago bereits 1350 km per Bus zurückgelegt. Die Hotelsuche gestaltet sich mühsam, da die meisten billigen Unterkünfte kurz vor Weihnachten bereits ausgebucht sind. Nach einigem Herumlaufen finden wir in einer Seitenstraße eine Herberge mit einem einfachen aber geräumigen Dreibettzimmer für 7000 Pesos ohne Frühstück (ca. 9 EUR). Dort mieten wir uns für die nächsten Tage ein. Der kleine Ort mit den vielen Häusern im traditionellen Adobestil ist fest in touristischer Hand. In kurzer Zeit sehen wir mehr ausländische Touristen als in Santiago insgesamt. San Pedro ist ein hervorragender Ausgangspunkt für verschiedene Ausflüge in die umliegende Atacamawüste. Auch kann man neuerdings von hier aus zu einer Jeepexkursion in den Südwesten Boliviens zum Salar de Uyuni starten. Da wir auf diesem Wege Chile (vorerst) verlassen wollen, kümmern wir uns erst um die Organisation dieser Tour. Bei Colque Turismo werden wir fündig und buchen eine 3-Tages-Tour nach Uyuni für umgerechnet ca. 65 EUR inkl. Essen und Unterkunft. Wer nicht in Bolivien bleiben will kann auch mit der 4-Tages-Variante nach San Pedro zurückkehren. Egal für welche Variante man sich entscheidet, diese Tour ist unbedingt empfehlenswert. Man bekommt einige der außergewöhnlichsten Landschaften Südamerikas zu sehen.

Doch zuerst ist am nächsten Morgen frühes Aufstehen angesagt. Bereits um 4.00 Uhr stehen wir am Straßenrand vor unserer Herberge und warten auf den Minibus, der uns zu dem Geysirfeld von El Tatio bringen soll. Die Geysire sind am frühen Morgen am besten und dummerweise ziemlich weit von San Pedro entfernt, so dass alle Touranbieter zu dieser unchristlichen Zeit starten. Im Ort herrscht ein gespenstischer frühmorgendlicher Busverkehr. Die Veranstalter sammeln in den verschiedenen Unterkünften ihre jeweiligen Teilnehmer ein und kurven dabei kreuz und quer durch den Ort. Nach und nach werden in unserer Straße alle müde aussehenden und frierenden Teilnehmer abgeholt. Nur unser Bus kommt partout nicht. Allmählich wandelt sich meine Müdigkeit in Wut. Es macht keinen Spaß, um diese Uhrzeit dumm auf der Straße herumzustehen. Um 4.45 Uhr machen wir uns zu Fuß zu dem Büro des Tourveranstalters auf, in der Hoffnung dort vielleicht jemanden zu finden. Alle anderen Minibusse sind bereits unterwegs. Kurz vor Erreichen des Büros kommt uns noch ein Minibus entgegen, den wir per Handzeichen anhalten. Und tatsächlich dies ist der richtige Bus. Der Fahrer ist sehr durcheinander – genauso wie seine Passagierliste. Es hat irgendein Kuddelmuddel mit zwei anderen Deutschen gegeben, die in derselben Herberge wie wir untergebracht sind, aber nicht aufgetaucht oder in den falschen Bus eingestiegen sind. So genau kann ich das nicht herausfinden. Um 5.00 Uhr verlassen wir so ziemlich als letzte San Pedro de Atacama. Zum Ausgleich hat unser Fahrer anscheinend Ralleyerfahrung. Auf der ungeteerten und sehr holprigen Piste schafft er es nicht nur, zu den anderen Bussen aufzuschließen, er überholt sogar geschickt noch einige andere auf der einspurigen Piste. Kurz vor Sonnenaufgang sind wir schließlich auf 4300 m Höhe am Rande des Geysirfeldes angekommen. Die Szenerie ist gespenstisch. Aus zahlreichen Fumarolen strömt Wasserdampf in die klare und eiskalte Morgenluft. Mein Minithermometer zeigt gerade mal 2 °C. Im gemächlichen Tempo wandere ich umher und mache ein paar Fotos. In dieser extremen Höhe werden allzu energische Schritte bereits nach wenigen Metern mit heftigem Schnaufen bestraft. Schließlich stelle ich mich über ein dampfendes Bodenloch, um mich etwas in dem warmen Dampf aufzuwärmen. Schweflige Gase nimmt meine Nase nicht war.

Fumarole im El Tatio Geysirfeld

Nach einem einfachen aber wohltuendem Frühstück geht es weiter zu einem „Schwimmbecken" auf 4300 m Höhe. Das Wasser von einer heißen Quelle aufgeheizt. Dies ist natürlich ein besonderer Spaß, wenn man sich in dem angenehm temperierten Wasser aalt und die grandiose Landschaft um sich herum genießen kann. Ich hätte noch lange in dem Becken herumliegen können, doch bald geht es weiter. Unser Fahrer macht auf dem Rückweg bereitwillig Foto-Stopps. Mitten in der Steinwüste sehen wir einige Herden der sehr scheuen Vikunjas. Diese wild lebenden Tiere sind mit den Lamas verwandt. Später am Morgen bekommen wir auch unsere ersten Lamas in Südamerika zu sehen.

 

 

 

Vikunja (Vicuña)

Lama

 

 

In einem kleinen Dorf auf ca. 3800 m Höhe machen wir eine längere Pause. Die alte Dorfkirche im Adobestil ist krumm und schief aber sehenswert. Wir kaufen am Straßenrand „Empanadas con Queso". Dieses sind kleine mit Käse gefüllte Teigtaschen. Empanadas mit verschiedenen Füllungen und in verschiedenen Größen haben wir in ganz Chile angetroffen, Sie sind immer eine willkommene und wohlschmeckende Zwischenmahlzeit. Nach längerer Fahrt auf einer weiteren Rumpel- und Wellblechpiste sind wir am frühen Nachmittag zurück in San Pedro.

Am nächsten Tag folgt ein weiterer Ausflug in das Valle de la Luna (Tal des Mondes). Da diese Tour erst um 16.00 Uhr startet haben wir am Morgen genügend Zeit, um für die Fahrt nach Bolivien ein paar Kekse und vor allem Getränke einzukaufen sowie ein paar Postkarten zu schreiben. Mit einem Minibus geht es am Nachmittag los. Die Atacamawüste hat sich längst der Cordillera de la Sal (zwischen San Pedro und Calama) in abenteuerliche Falten geworfen. Der Boden ist vielfach regelrecht aufgebrochen. Felsklötze stehen auf dem Kopf balancierend, Salzkrusten verzieren knochentrockene runde Hügel. Diese Gegend ist bestimmt ein Paradies für Geologen.

Kurz vor Sonnenuntergang sind wir schließlich eine riesige Sanddüne hinaufmarschiert, die ein Tal einmal quer durch die Mitte in zwei Teile trennt. Als ich endlich oben angelangt bin, ging es auf dem Kamm der Düne weiter, bis wir das Ende der Düne an einer Felswand erreicht haben. Von dort oben genießen wir den Sonnenuntergang. Die Wüstenlandschaft wird von der untergehenden Sonne in verschiedenste Rot- und Brauntöne getaucht. Der „Abstieg" von der Düne ist dann ungleich leichter als der Aufstieg. Mit großen Schritten rutsche und gleite ich die Düne im Nu herunter. Es gibt sogar Leute, die ein Snowboard hoch geschleppt haben und jetzt eine richtige „Abfahrt" probieren. Unten angekommen leeren erst mal alle Teilnehmer den Sand aus den Schuhen.

Im Valle de la Luna

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Tour durch den Salar de Uyuni

Nach 3 Nächten in San Pedro de Atacama sagen wir Chile vorerst Good-Bye. Heute beginnt unsere Tour zu den Salzseen und Lagunen im Südwesten Boliviens. Bereits am Ortsausgang von San Pedro bekommen wir den Ausreisestempel in den Pass geknallt. Dann fahren wir immer bergauf in Richtung der bolivianischen Grenze. An der Flanke des Vulkans Licancábur befindet sich der bolivianische Grenzposten in 4480 m Höhe mitten in einer Einöde. Nicht nur die Luft ist dünn, es ist auch ziemlich kalt und zugig. Daher sind wir froh, dass wir nicht lange in der Gegend herumstehen müssen. Schon bald sind die Pässe aller Passagiere mit den notwendigen Stempeln versehen. Nach weiteren 15 Minuten Fahrt erreichen wir die Laguna Blanca, wo wir und unser Gepäck auf die bereitstehenden Toyota Landcruiser verteilt werden. Wir werden mit 4 anderen Deutschen zu einer rein deutschen Gruppe zusammengestellt. Mit dabei sind die beiden Leipziger Conny und Ronny, mit denen wir dann noch eine weitere Woche bis Potosí zusammenreisen werden.

Nach einem stärkenden Frühstück macht sich unsere Gruppe auf den Weg. Unser bolivianischer Fahrer heißt Cristobal und ist gleichzeitig unser Guide. Conny spricht am besten Spanisch von uns und übernimmt das Dolmetschen in den nächsten Tagen.

Am ersten Tag kommen wir an mehreren Lagunen und einem weiteren Geysirfeld vorbei. Dabei purzeln nur so meine persönlichen Höhenrekorde. Das Geysirfeld „Sol de Mañana" liegt auf 4850 m Höhe und an einer Stelle erreicht unser Jeep gar die Höhe von 5000 m. Am Geysirfeld fauchen die Fumarolen gefährlich und heißer Schlamm wird bisweilen mehrere Meter in die Höhe gespritzt (und landet auf meiner Jacke). Halb betäubt von der Höhe gehe ich zwischen den Dampfschwaden herum und bestaune die unwirkliche Szenerie.

Zwischendurch sehen wir immer wieder Vikunja-Herden in der wüstenhaften und extrem kargen Landschaft. Die scheuen Tiere haben eine große Fluchtdistanz, so dass wir nicht sehr an sie herankommen können. Gegen 14.00 h erreichen wir unser Tagesziel, die Laguna Colorada auf 4285 m Höhe. Diese Salzlagune schimmert in den Farben weiß, grün, dunkelblau (freie Wasserflächen) und rot. Die rote Farbe wird von kleinen Salzkrebsen hervorgerufen. Nach einer Ruhepause mache ich am Nachmittag einen Spaziergang entlang des Ufers der Lagune. Das Besteigen eines kleinen Aussichtshügels ist schon anstrengend. Von dem Hügel schweift der Blick weit über den See, in dem einige Flamingos auf Nahrungssuche sind. Plötzlich fällt mir die vollkommene Stille hier draußen auf. Der Wind hat für ein paar Minuten ausgesetzt, und dann ist wirklich nichts mehr zu hören. Ein seltenes Erlebnis in unserer geräuschverseuchten Umwelt. Das eigene Atmen und die Blutzirkulation im Kopf sind die einzigen Geräusche, die ich wahrnehmen kann. Passend zum Abendessen und zum Sonnenuntergang bin ich zurück in der sehr einfachen Unterkunft. Wir unterhalten uns am Abend so lange bis um 21.30 Uhr der Stromgenerator abgestellt wird. Als ich dann auf dem Weg zum Schlafquartier nach draußen gehe, staune ich nicht schlecht über den Sternenhimmel. So viele Sterne auf einmal habe ich mit dem bloßen Auge noch nie gesehen. Die extrem saubere und trockene Luft in dieser Höhe macht es möglich. Außerdem sind wir weit von jeder Stadt entfernt. Die Milchstraße ist klar und deutlich zu erkennen.

In der Nacht schlafe ich schlecht. Die Höhe macht mir doch zu schaffen. Die Kopfschmerzen lassen sich am nächsten Morgen zum Glück mit Aspirin vertreiben. Gegen 9.00 Uhr fahren wir als letzte Gruppe weiter. Links von uns erstreckt sich eine lange Kette von Vulkanen entlang der chilenisch-bolivianischen Grenze. Die Landschaft wird immer wüstenhafter und das Licht ist unglaublich hell. Als ersten Stopp steuert Cristobal eine Gruppe bizarr geformter Felsen mitten in der Wüste an. Diese Gegend hätte sich auch hervorragend als Filmkulisse für die die Star Wars Filme geeignet.

 

Am Arbol de Piedra

Weiter geht es zu mehreren kleineren Lagunen. Wieder sind einige der scheuen Flamingos zu sehen. Sobald man sich am Ufer nähert, entfernen sie sich langsam aber stetig, so dass es sehr schwierig ist, Fotos von den Tieren zu machen. In einer Gegend mit weiteren wild erodierten und teilweise stark überhängenden Felsformationen machen wir Mittagspause. In der Ferne ist der leicht rauchende Vulkan Ollagüe zu sehen, der wieder die chilenisch bolivianische Grenze markiert. Wir passieren die Bahnlinie Uyuni – Calama und müssen an einem Militärposten mitten im nirgendwo unsere Pässe vorzeigen. Die Soldaten schauen ziemlich gelangweilt und verdrossen drein, was ich gut nachvollziehen kann, wenn ich zu Weihnachten an einem so abgelegenen Ort Dienst schieben müsste. Zu gern hätte ich von den kuriosen halbkugelförmigen Militärbauten Fotos gemacht, doch verkneife ich mir die Idee. Fotografieren von Militäranlagen kann schnelle eine Menge Ärger erzeugen.

Das Quartier an Heiligabend ist zum Glück deutlich komfortabler als letzte Nacht. Wir werden zwar wieder alle in einem Sechsbettzimmer untergebracht, dafür gibt es aber wenigstens eine Dusche (kalt) und einen großen Speiseraum ohne Elektrizitätsproblem. Das „Weihnachtsessen" besteht aus Hühnchen mit Reis und Gemüse. Wir essen zusammen mit Kati, Jan, Conny und Ronny. Am nächsten Morgen geht es Jan ziemlich schlecht, so dass die beiden entscheiden, heute nicht weiter zu fahren, sondern eine Pause einzulegen. Damit starten wir nur noch zu fünft zur dritten Etappe, die uns quer über den Salar de Uyuni in die Stadt Uyuni bringen wird.

Der Salar de Uyuni ist mit einer Fläche von 10.500 km2 der größte Salzsee der Welt. (Zum Vergleich: Der Bodensee hat eine Fläche von 544 km2.) Diese wüstenhafte Landschaft liegt auf 3650 m Höhe. Wir fahren morgens mit unserem Jeep auf die Salzfläche hinaus. Mit Tempo 100 geht es über die blendend weiße Salzoberfläche in Richtung einer Insel im Salzsee. Entfernungen kann man hier ganz schlecht einschätzen. Lange fahren wir mit konstant hoher Geschwindigkeit weiter, ohne dass die Insel näher zu kommen scheint oder dass die 5000er Vulkane am Horizont größer werden. Das Ufer haben wir schon lange hinter uns gelassen. Wir befinden uns in einer bestechend einfachen Welt, die lediglich aus zwei Farben besteht: der strahlend blaue Himmel über uns und die schier endlose Salzfläche unter uns. In gewisser Weise habe ich damit auch meine „weiße Weihnachten". Auffällig ist, dass die Salzfläche von einem wabenartigen Muster überzeugen ist. Cristobal macht uns auch auf kleine Wasserlöcher in der meterdicken Salzkruste aufmerksam. Ich will mir besser nicht ausmalen, was passieren könnte, wenn man mit Tempo 100 km/h in so ein Wasserloch fährt.

Schließlich erreichen wir die angesteuert Isla de Pescado, wo wir eine längere Pause machen. Die umliegende Landschaft ist schon bizarr genug, da will die Insel auch nicht zurückstehen und hat sich komplett mit bis zu 12 m hohen Kakteen überzogen. Wir bestaunen diese Kakteen-Monokultur auf der sonst kargen Insel bei einer kleinen Wanderung zum höchsten Punkt. Andere Jeeps, die vor uns die Insel verlassen, sind bald nur noch als kleine schwarze Punkte auf der Salzfläche auszumachen.

Kakteeninsel im Salar de Uyuni

 

Einen weiteren Stopp legen wir beim Hotel Playa Blanca ein. Es liegt ebenfalls im Salzsee und ist komplett aus Salzblöcken errichtet worden. Gegen eine kleine Gebühr können wir das Hotel von innen besichtigen. Tische, Stühle und Betten bestehen ebenfalls aus Salz. Auf dem Boden knirscht überall die weiße Salzschicht. Gegen die nächtliche Kälte können sich die Gäste mit Lamafelldecken schützen. Am frühen Nachmittag des ersten Weihnachtsfeiertages erreichen wir die Stadt Uyuni. Hier endet die Tour. Wir quartieren uns für 15 Bolivianos (ca. 2 EUR) in dem Hotel Avenida für eine Nacht ein (einfach, sehr sauber, empfehlenswert).

Die einzige Sehenswürdigkeit Uyunis ist der Eisenbahnfriedhof „Cementerio de las trenes", der 2 km außerhalb der Stadt liegt. Uyuni ist ein Eisenbahnknotenpunkt Boliviens, obwohl nach der Privatisierung der Eisenbahn von dem sowieso kleinen Streckennetz nicht mehr viel übrig geblieben ist. Der Cementerio de las trenes bietet einen trostlosen Anblick. So ziemlich alles, was von den Waggons und Lokomotiven noch brauchbar gewesen ist, wurde abmontiert. Mitten im Altiplano rosten jetzt die ausrangierten Gerippe aus dem Dampfzeitalter langsam vor sich hin.

Eisenbahnfriedhof in Uyuni

Auf dem Weg zurück in die Stadt sehen wir leider, dass selbige von einem Kordon aus (Plastik-)Müll umgeben ist, der planlos in die umliegende Hochebene geworfen wurde. Ähnliche Beobachtungen machen wir immer wieder auch in anderen bolivianischen und peruanischen Städten. Bei der Annäherung an jede Stadt passiert man einen Gürtel aus weit verstreut herumliegenden Müll. Auch wenn es in dem dünn besiedelten und armen Bolivien viel Platz gibt, so ist dieser Anblick nicht nur hässlich, sondern irgendwann wird diese Umweltverschmutzung mal auf die Bewohner der Städte zurückschlagen. Es kostet doch nicht mehr Geld, den ganzen Müll zumindest auf einen Haufen zu schmeißen.

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Potosí

Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Bus weiter nach Potosí. Der kleine Mercedes-Bus hat ungefähr 30 Sitzplätze. Der Sitzabstand ist eher für bolivianische Körpermaße ausgelegt. Das Gepäck wird auf dem Dach verstaut und mit einer Plane gegen den Staub geschützt. Zu meinem Erstaunen hört die geteerte Straße am Ortsausgang von Uyuni auf. Bis Potosí hat die Piste besseren Feldwegcharakter. Dennoch geht es zügig durch die gebirgige und fast menschenleere Landschaft voran. Wir fahren durch canyonartige Schluchten und überqueren Flüsse auf ausgetrockneten Furten. Kurz vor Potosí muss noch ein platter Reifen gewechselt werden, doch ganz offensichtlich hat der Busfahrer darin Übung.

Zusammen mit den beiden Leipzigern quartieren wir uns in dem Residencial Felcar mit schönen Innenhof (viele Blumen) ein. Danach schlendern wir zur zentralen Plaza. Auf dem Weg dorthin fallen uns schon die vielen alten Bauten aus der spanischen Kolonialzeit auf. Potosí liegt auf einer Höhe von gut 4000 m, womit sie die höchstgelegene Großstadt der Welt ist. Wenn man eine bergauf führende Straße oder Gasse entlanggeht, merkt man dies auch schnell. Man sollte es daher in Potosí nicht zu eilig haben. Die Geschichte der Stadt ist untrennbar mit dem Cerro Rico ( "reicher Berg") verbunden. Hier wurde 1544 von einem Indio Silber entdeckt. Bald stellte sich heraus, dass der Berg das reichste Silberaufkommen der Welt beherbergte. Zu seinem Fuße wurde die Stadt Potosí gegründet, die bald schnell wuchs. In den folgenden zwei Jahrhunderten war es das einzige Interesse der Spanier, diese Silbermine rücksichtslos auszubeuten und den Ertrag nach Europa abzutransportieren. In einem Café liegt ein Buch über die Geschichte Potosís aus und darin lese ich, dass die unvorstellbare Zahl von bis zu 8 Millionen Indiozwangsarbeitern und afrikanischen Sklaven in diesem Berg ihr Leben gelassen haben sollen. Die Spanier waren nur am Abbau des Erzes interessiert, das Schicksal der Menschen und des restlichen Landes interessierte sie nicht. Anfang des 17. Jahrhunderts ist Potosí die größte Stadt Südamerikas. Als im Laufe des 19. Jahrhunderts die Silbervorkommen zur Neige gehen, droht der Verfall der Stadt. Im 20. Jahrhundert erlebt der Bergbau eine Renaissance als man sich den ebenfalls vorhanden Zinn-, Blei- und Zinkvorkommen widmet, die die Spanier nicht interessiert hatten. Nach Verfall der Zinnpreise in den 80er Jahren und Schließung der staatlichen Minen wird der Abbau heute von genossenschaftlich organisierten Bergarbeitern, den „Mineros", weitergeführt. Die Arbeitsbedingungen sind weiterhin mittelalterlich. Es gibt keinen elektrischen Strom im Berg, viele Stollen werden von alten Holzkonstruktionen abgestützt, gesprengt wird nach wie vor mit Dynamitstangen. Beim Abtransport der Erzbrocken ist dann Handarbeit angesagt. Das durchschnittliche Lebensalter eines Mineros beträgt auch im 21. Jahrhundert nur 35 Jahre.

 

Der Cerro Rico in Potosí

 

Im Laufe von bald 500 Jahren Bergbau ist der Cerro Rico von fast 5000 Schächten wie ein Schweizer Käse ausgehöhlt worden. Ehemalige Bergarbeiter, die an der berüchtigten „Silikose" (Staublunge) leiden, arbeiten bisweilen als Führer für Besucher, die eine Tour durch die Minen unternehmen wollen.

Am nächsten Morgen starten auch wir zu einer solchen Besichtigungstour. Wir werden notdürftig gegen Schlamm, Schmutz und die giftigen Salzablagerungen mit einem papierdünnen Jäckchen, einer löchrigen Überhose und Gummistiefeln ausgestattet. Komplettiert wird die Ausrüstung durch einen Helm samt batteriebetriebener Helmlampe. Bevor es losgeht, kaufen wir auf dem Weg zum Mineneingang bei einem Krimskramsladen am Straßenrand, Zigaretten, einige Beutel Kokablätter und zwei waschechte Dynamitstangen (!), samt Zünder und einem Säckchen Ammoniumnitrat als Zusatzsprengstoff. Diese Sachen sollen als Geschenke für die Minenarbeiter dienen. Schließlich besuchen wir kein Museumsbergwerk, sondern gehen in ein arbeitendes Bergwerk hinein und sind damit eigentlich eine Störung für die Bergarbeiter.

Wir fahren bis auf 4300 m Höhe hinauf und dann beginnt der Ausflug ins Mittelalter. Die Helmlampe wird angeknipst und auf geht es in die stockdustere Mine. Mehrfach müssen wir unseren Führer ermahnen, dass er nicht so schnell in den niedrigen Stollen verschwinden soll. Meistens sind sie so niedrig, dass ich nur in gebückter Haltung gehen kann. An manchen Stellen komme ich nur noch auf Händen und Knien voran. Außerdem wird die sowieso dünne Luft schnell schlechter und bekommt einem metallischen Geschmack. Dafür wird es immer wärmer. Während es draußen recht frisch ist, herrscht im Berg eine ziemliche Hitze. Häufiger geht mir im wahrsten Sinne des Wortes die Puste aus, so dass nur noch eine Pause hilft. In den engen Stollen kommen uns Mineros entgegen, die eine Lore mit Gesteinsbrocken von Hand hinausschieben. Zwei Leute ziehen vorne mit Seilen und zwei andere schieben von hinten mit ihren Köpfen und Händen. Es ist mir unvorstellbar, wie Leute tagein tagaus unter diesen Bedingungen arbeiten können. Auf jeden Fall kauen alle die Kokablätter, die helfen sollen, diese Strapazen zu ertragen. Wir verteilen unsere Mitbringsel an die Mineros. Unser Führer weist uns auf ungesicherte Löcher am Stollenrand hin. In ein solches „schwarzes Loch" fällt man wohl besser nicht hinein. Ich habe keine Ahnung, wie tief man in den schwarzen Abgrund fallen würde. Auch warnt er uns davor, die sehr betagt aussehenden Holzpfeiler und Abstützbalken zu berühren. Nun, ich wäre auch von alleine nicht auf die Idee gekommen, an dem alten Gebälk zu rütteln. Auch von den häufig an der Stollendecke zu sehenden bunten Stalaktiten, die aus schwermetallhaltigen Salzablagerungen bestehen, lasse ich besser meine Finger. Als es an einer Stelle fünf Meter senkrecht durch einen engen Schacht nach oben und danach auch wieder hinuntergeht, habe ich die Schnauze gestrichen voll. Ich will nichts mehr von Schächten und Erzen, den Arbeitsbedingungen der Bergarbeiter und dem dämonischen Herren des Berges „El Tio" wissen, ich will nur noch zurück ans Tageslicht. Zum Glück kehren wir nach dieser Klettereinlage um und ordentlich verdreckt und verschwitzt kommen wir nach gut zwei Stunden Minenabenteuer wieder an die frische Luft.

 

 Im Bergwerk von Potosí

 

Typisch für Entwicklungsländer ist, dass man auf die Gefahren vorher nicht hingewiesen wird. Diese Besichtigung ist zwar sehr interessant gewesen, doch sollten weder Asthmatiker, noch Leute mit Neigung zu Atemnot oder jemand mit Platzangst auf die Idee kommen, solch eine Minentour zu unternehmen. Wir erfahren erst nachher, dass es erst gestern den letzten tödlichen Unfall im Berg gegeben hat.

Am nächsten Tag organisieren wir unsere Weiterfahrt nach La Paz und schlendern noch durch die Innenstadt von Potosí, die auch auf der UNESCO Liste des Weltkulturerbes steht. Viele schöne Bauten und Kirchen aus der Kolonialzeit der Stadt sind sehenswert. Besonders imposant ist die ehemalige Münzprägeanstalt der Spanier, die „Casa Real de la Moneda". Der massive Bau mit dem reich verzierten Eingangstor nimmt ein ganzes Straßenkarree ein. Im Innenhof hängt über einem Tor ein kurioses und nicht zu übersehendes Abbild von Bacchus, der deutlich indianische Züge hat. Was hat den Architekten wohl bewogen dieses Bild in einer Münzprägeanstalt anzubringen, frage ich mich.

 

In der Casa Real de la Moneda

Bacchus in der Casa Real de la Moneda

 

Am Abend sammeln wir unsere Rucksäcke im Residencial ein und fahren mit dem Stadtbus zum außerhalb gelegenen Busterminal. Unsere großen Rucksäcke müssen wir im 1. Stockwerk des Busbahnhofs aufgeben. Diese werden dann von den Büros der einzelnen Busgesellschaften mit Seilwinden zu den unten bereitstehenden Bussen heruntergelassen und verladen. Sicherheitshalber überwache ich diesen Prozess von den Bussteigen aus. Ich möchte sichergehen, dass sich mein Rucksack in demselben Bus befindet, in den ich später einsteige. Kurz nach 20 Uhr beginnt unsere elfstündige Nachtfahrt nach La Paz. Diesmal haben wir sogar Cama-Klasse gewählt („Bettenklasse"), d.h. wir können unseren Sitz zu einem fast ebenen Bett umbauen. Doch hilft dieser Komfort nur bedingt, denn wieder ist fast die ganze Strecke eine ungeteerte Straße. Wie auf einem Rüttelbett werde ich die ganze Nacht durchgeschüttelt und hin- und hergeworfen.

La Paz

Das Beste an La Paz ist die An- bzw. die Abreise. Dieser Umstand hängt mit der spektakulären landschaftlichen Lage der Stadt zusammen. Wir nähern uns von Süden auf der Carretera Panamericana an. Im Hintergrund sehe ich die schneebedeckten Bergriesen der Cordillera Real hinter der Stadt aufragen. Auf ebener Landstraße passieren wir erst ärmlich aussehende Vororte und dann öffnet sich plötzlich der Blick in den Canyon, in dem das Stadtzentrum liegt. Vom oberen Rand des Canyons fahren wir nun mehrere hundert Höhenmeter hinab zum Busbahnhof. Wie in einem halbkreisförmigen Amphitheater umgeben die Häuser der ärmeren Stadtviertel die tief unter ihnen liegende Bühne, auf der das eigentliche Stadtzentrum aufgebaut ist. Wer arm ist, wohnt oben (dünne Luft, immer kalt). Ganz schlecht haben es die Bewohner der deprimierend aussehenden Vorstadt El Alto in 4000 Meter Höhe getroffen. Wer reich ist, wohnt unten am Grund des Canyons (dickere Luft, windgeschützt). Um dem Gewühle rund um den Busbahnhof zu entkommen, lassen wir uns mit einem Taxi zu einem Billighotel bringen, wo wir für 40 Bolivianos (ca. 5,30 EUR) ein geräumiges Zimmer anmieten. Später stelle ich fest, dass es weder im Zimmer noch in den Bädern oder den Fluren irgendeine Steckdose gibt. Auf Nachfrage an der Rezeption wird mir mitgeteilt, dass ich ja ein teureres Zimmer anmieten könne, dass als „Luxusausstattung" auch eine Steckdose besitzen würde. Dankend lehne ich ab und verzichte auf den Einsatz von Rasierapparat und Tauchsieder.

Auf dem anschließenden Rundgang durch La Paz wird mein erster negativer Eindruck von der Stadt weiter bestärkt. Die Stadt macht einen schmutzigen Eindruck, viele Häuserfassaden sind sehr heruntergekommen und alle paar Meter werden wir von Schuhputzern und Bettlern angesprochen. Auf dem Weg in die Innenstadt werden wir auch noch zum Ziel einer Trickdiebstahlmasche, wobei unsere Kleidung von hinten mit Senf beschmiert wird. Wir merken aber sehr schnell, was passieren soll und ziehen uns an eine Häuserfassade zurück, ohne dass uns etwas gestohlen wird. Verärgert gehen wir zum Hotel zurück und reinigen unsere Klamotten. Später schlendern wir noch durch die Geschäfte in der Nähe der Iglesia San Francisco und besuchen den Plaza Murillo, doch nirgendwo kommt Begeisterung bei mir oder Holger auf. Also beschließen wir direkt am nächsten Tag zum Titicacasee weiterzufahren.

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Titicacasee

Als Ziel wählen wir den kleinen Ort Copacabana direkt am Titicacasee. Dieser See wartet mit einigen Superlativen auf: größter See Südamerikas und höchster schiffbarer See der Welt. Der See gehört ungefähr zur Hälfte zu Bolivien und zur anderen Hälfte zu Peru. Bei strömenden Regen erreichen wir Copacabana und quartieren uns in einem netten Hotel in einem Zimmer mit Seeblick ein. In den Restaurants Copacabanas machen wir anschließend die Entdeckung, dass die bis zu 13 kg schweren Titicacaseeforellen („trucha") ganz hervorragend schmecken. In Copacabana esse ich direkt dreimal Forelle, die es in verschiedenen Zubereitungsarten in fast jedem Restaurant gibt.

Nach den Regengüssen des Vortages ist es an dem Tag, an dem wir den Bootsausflug zur Isla del Sol machen, zum Glück trocken und sonnig. Ende Dezember befinden wir uns eigentlich mitten in der Regenzeit, doch bis auf diesen einen regnerischen Tag bleibt es während unserer ganzen Zeit in den Anden trocken. Durch den El Niño Effekt in diesem Jahr hat sich die Regenzeit anscheinend nach hinten verschoben. Im Großen und Ganzen ist das Wetter nicht schlechter als in einem normalen deutschen Sommer. Schließlich hatte ich in Neuseeland schon einen außergewöhnlich nassen und kalten Frühling erlebt, der auch mit dem El Niño Effekt in Verbindung gebracht wurde. Jetzt tritt so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit ein.

Wir fahren am Morgen mit einem dramatisch untermotorisierten Boot zur Isla del Sol hinaus. Ca. 60 Touristen nehmen auf dem klapprigen Holzboot Platz, welches von nur zwei Außenbordmotoren angetrieben wird, die mich eher an Küchenquirle denn an eine probate Motorisierung für ein Boot dieser Größe erinnern. Förmlich im Zeitlupentempo tuckern wir über den See. Einziger Trost ist die Tatsache, dass auch die anderen Boote mit ähnlich schwächlichen Motoren ausgerüstet zu sein scheinen. Nach der gut zweistündigen Überfahrt erreichen wir endlich die Anlegestelle im Norden der Insel, fast zeitgleich mit einem weiteren „Zeitlupenboot".

Die Isla del Sol hat große historische und mythische Bedeutung für die Inkakultur. Der Legende nach sollen an einem heiligen Felsen im Norden der Insel die ersten Inkas Manco Capac und Mama Ocllo geboren worden sein. Das mag zwar alles stimmen, die besichtigten Inkaruinen auf der Isla del Sol hauen mich allesamt nicht um, dafür ist die Landschaft umso schöner. Wir klinken uns bald aus der Gruppenführung aus und wandern einmal quer über den Inselrücken zur langen Inkatreppe im Süden der Insel, wo unser Boot uns um 16.00 Uhr wieder einsammeln soll. Der gut markierte und ausgebaute Weg ist nie sehr steil, doch beim Erwandern diverser Hügel macht sich wieder die enorme Höhe bemerkbar. Insgesamt haben wir nur 220 Höhenmeter gegenüber dem Niveau des Sees dazu gewonnen, doch wenn man bedenkt, dass die Seeoberfläche bereits auf 3820 m liegt, dann sieht die Sache schon wieder anders aus. Entschädigt werden wir mit weit schweifenden Ausblicken über den See bis hin zu den partiell wolkenverhangenen Andengipfeln im Osten.

Wir sind nun schon so weit in den Norden Boliviens vorgestoßen, dass wir unweigerlich in die Sogwirkung einer der Hauptsehenswürdigkeiten Südamerikas geraten sind: Machu Picchu. Verbunden damit ist auch ein Besuch Cuscos. Eigentlich wollen wir noch in der begrenzten Zeit bis Mitte Februar nach Patagonien herunter und auch die weit entfernt liegenden Iguazú-Fälle an der Grenze Argentiniens zu Brasilien sollen noch in die Tour eingebaut werden. Nach einigen Routen- und Zeitplanungen entschließen wir uns, die Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen und einen rund einwöchigen Abstecher nach Peru zu machen. Zwischenstation auf dem Weg nach Cusco ist die ebenfalls am Titicacasee liegende Stadt Puno. In Puno erfahren wir, dass der Zug nach Cusco in der Nebensaison seinen Dienst eingestellt hat, also wählen wir wieder den Bus für die siebenstündige Weiterfahrt nach Cusco. Die Strecke ist landschaftlich sehr schön, auch ist die Straße viel besser als in Bolivien. An der höchsten Stelle überquert der Bus einen Pass in 4300 m Höhe.

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Cusco

In Cusco finden wir mit etwas Ausdauer eine nette Familienpension etwas außerhalb des Zentrums für 30 Sol (inkl. Desayuno). Das Gebäude in der kleinen Seitengasse ist bestimmt schon mehrere hundert Jahre alt. Unser Zimmer ist zwar etwas dunkel aber so groß, dass man es auch als Halle bezeichnen könnte.

Am nächsten Morgen wollen wir erst die Eisenbahnfahrkarten nach Machu Picchu besorgen. Dies wird dem geneigten Individualtouristen aber nicht einfach gemacht: Der Fahrkartenschalter am (richtigen) Bahnhof San Pedro ist nur von 5.00 Uhr bis 9.00 Uhr morgens geöffnet. Wir schaffen noch rechtzeitig dort aufzukreuzen, nur um zu erfahren, dass es für nächsten 2 Tage keine Fahrkarten mehr gibt. Außerdem seien wir sowieso am falschen Platz. Stattdessen werden wir zum Bahnhof Wanchaq am anderen Ende der Stadt geschickt. An diesem Bahnhof fahren zwar nur die Züge nach Arequipa und Puno ab, dafür gibt es ein großes Ticket-Office, wo wir für den stolzen Preis von 35 US$ eine Rückfahrkarte nach Machu Picchu kaufen können (Abfahrt übermorgen).

Den restlichen Tag verbringen wir damit, uns die Sehenswürdigkeiten im Stadtzentrum Cuscos anzusehen. Einen erstaunlichen Mix aus mehreren Jahrhunderten Bautätigkeit bietet das Kloster Santo Domingo. Es wurde auf den Ruinen des Inkatempels Qorikancha errichtet. 1950 hatte ein Erdbeben große Teile des Klosters zerstört, was wiederum weitere alte Fundamente aus der Inkazeit zum Vorschein brachte. Heute sieht man eine Mischung aus den massiven Inkamauern, Bauelementen aus der spanischen Kolonialzeit und modernen Ergänzungskonstruktionen. Durch eine der charakteristischen Gassen mit dem fugenlosen Inkamauerwerk gehen wir zurück zur sehr schönen Plaza de Armas. Nach einem Mittagsmenü besichtigen wir dann die barocke Kathedrale aus dem frühen 17. Jahrhundert, die direkt an der Plaza de Armas steht. Das Innere der Kirche ist spektakulärer und größer als es die Außenfassade vermuten lässt. Zahlreiche Altäre, Seitenaltäre und ein aufwendig geschnitzter Chor ergeben ein prachtvolles Gesamtbild. Auf die einfachen Indios musste diese mächtige Kirche sehr beeindruckend gewirkt haben als die Spanier sie errichtet hatten.

 

silberne Inkafigur aus Cusco

Ansonsten ist das Stadtzentrum Cuscos komplett im Kolonialstil mit einheitlich roten Dächern und vielen schönen Innenhöfen erhalten geblieben. Es gibt praktisch keine Bausünden aus der Neuzeit. Darüberhinaus stellen die vielen architektonischen Spuren aus der Inkazeit einen besonderen Reiz dar. An vielen Orten stößt man auf Mauern und Straßen aus der Inkazeit. Die Stadt hatte immerhin 200.000 Einwohner als Francisco Pizarro hier 1533 einmarschierte.

Einen weiteren Tag nutzen wir zur Besichtigung, der außerhalb Cuscos liegenden Inkaruinen. Anstelle uns einer organisierten Halbtagestour anzuschließen, lassen wir uns lieber von einem Taxi (5 Sol pro Person) zu der am weitesten entfernt liegenden Ruine Tambo Machay bringen. Zu Fuß laufen wir dann in mehreren Stationen zurück nach Cusco. Erleichternd ist dabei noch der Umstand, dass es praktisch immer bergab geht. Die Ruinen von Tambo Machay sind schnell besichtigt. Auch heute noch tritt an dieser Stelle eine Quelle hervor. Ganz in der Nähe liegt die Ruinenanlage Pukapukara (rote Festung, nicht so toll). Dann haben wir ein längeres Stück Fußmarsch vor uns bis wir die beeindruckende Festungsanlage Sacsayhuaman erreichen. In mehreren Staffeln ziehen sich die Inkamauern einen Hang hoch. Sehr schön kann man hier die kissenartig nach außen gewölbten Steine sehen, die die massiven und praktisch unzerstörbaren Mauer bilden. Es wird geschätzt, dass Zehntausende von Arbeitern mehr als 70 Jahre an der Festung bauten. Außerdem hat man von Sacsayhuaman einen tollen Blick über die unter einem liegende Stadt.

Den ganzen Tag haben sich schon dunkle Wolken über uns zusammengebraut, doch bleibt es zum Glück trocken. Kurzfristig kommt auch immer wieder die Sonne durch. Über einen sehr steilen Pfad gehen wir bis zur Stadt herunter und landen ziemlich unerwartet mitten auf der Plaza de Armas. Auch dies war ein sehr lohnender Ausflug, der mir gut gefallen hat.

 

Wolken über Cusco

Machu Picchu

Ein eisenbahntechnisches Abenteuer der besonderen Art bringt dann am nächsten Morgen die vierstündige Fahrt nach Machu Picchu, zu der wir schon um 6.00 Uhr morgens am Bahnhof sein müssen. In vier Spitzkehren, in denen der Zug jeweils seine Fahrtrichtung wechselt, schraubt er sich den Berg hinter Cusco hoch. Dann biegt der Zug endlich in das Urubambatal ein, welches nach Machu Picchu führt. Irgendwann fällt mir während der Fahrt auf, dass ich die erbärmliche Durchschnittsgeschwindigkeit des Zuges auch mit meinem Fahrrad erreichen könnte. Da vergesse ich besser ganz schnell den horrenden Fahrpreis von 35 US$, der in keinem Verhältnis zu den sonstigen Transportpreisen in Peru steht.

Wir haben die Empfehlung bekommen, am Fuße von Machu Picchu in dem (unansehnlichen) Örtchen Aguas Calientes zu übernachten, um am Morgen vor dem üblichen Touristenansturm die Ruinenstadt besichtigen zu können. Unser Hauptgepäck haben wir in unserer Familienpension in Cusco zurückgelassen und sind nur mit einem voll gestopften Tagesrucksack gestartet. Nach der Ankunft suchen wir uns zuerst ein Nachtquartier in Aguas Calientes. Die Neugier ist dann aber zu groß und das Wetter zu unsicher, so dass wir bereits am Nachmittag in die Ruinenstadt hochfahren, bevor es gar am nächsten Tag regnen mag. Die unzweifelhaft spektakuläre Lage hoch über der Flusskehre des Urubamba mit dem steilen Gipfel Huayna Picchu im Hintergrund löst bei mir einen merkwürdigen Wiedererkennungseffekt aus. Auf zahllosen Fotos habe ich diese klassische Ansicht schon gesehen, doch in Wirklichkeit ist es viel besser. Ich bin mir sicher, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hat, um hierhin zu kommen. Immerhin haben wir auf dem Landweg seit Verlassen Santiagos bereits 3400 km zurückgelegt. Der Fotograf in mir ärgert sich, dass der Himmel an diesem Nachmittag wolkenverhangen ist, doch es regnet wenigstens nicht, und die Wolkendecke bleibt gnädig ein gutes Stück über der Stadt. Ohne Eile besichtigen wir die steinernen Hinterlassenschaften der Inkas. Neben der spektakulären Lage ist Machu Picchu auch eine der geheimnisumwittersten Ruinen Südamerikas. Erst 1911 entdeckte der Amerikaner Hiram Bingham die vom Dschungel überwucherte Stadt in den Ostabhängen der Anden. Noch immer ist nicht klar, warum und wann die Inkas diese Stadt aufgaben, deren Errichtung hoch in den Bergen soviel Mühe gekostet haben musste.

In Machu Picchu

 

Als ich früh am nächsten Morgen einen größer werdenden Schnipsel blauen Himmel vom Hotelzimmerfenster in Aguas Calientes entdecke, gibt es dann kein Halten mehr. Bereits vor dem Frühstück fahre ich um 7.30 Uhr (alleine) ein zweites Mal den Berg hoch. Ich spucke zähneknirschend weitere 20 US$ Eintritt aus und habe Minuten später die Stadt im schönsten Sonnenschein vor mir liegen. (...Meine Kamera klickt kräftig.) Mit diesem phantastischen Panoramablick vor Augen verspeise ich mein mitgebrachtes Frühstück und als ich mich schließlich satt gesehen habe, verbringe ich den restlichen Vormittag damit, ein Stück auf dem berühmten Inkatrail zurückzuwandern. Von der Passhöhe, an der das Sonnentor steht, habe ich eine weitere tolle Aussicht auf Machu Picchu und das gut 700 Meter unter mir liegende Flusstal des Urubamba. Sehr gut sind von hier die vielen Serpentinen der Strasse zu sehen, auf denen die Busse den steilen Berghang erklimmen.
Den Rückweg nach Aguas Calientes mache ich dann zu Fuß über schier endlose Treppen. Meine Beine fühlen sich gummiartig an, als ich zwei Stunden später wieder im Tal bin. Dafür habe ich mir wenigstens eine weitere teure Busfahrt ins Tal gespart (umgerechnet ca. 5 EUR).

Unten im Ort treffe ich Holger wieder, dem das erneute Abdrücken des Eintrittspreises zu teuer gewesen ist. Es bleibt noch Zeit für ein gemeinsames Mittagessen bevor die quälend langsame Rückfahrt mit dem Rumpelzug nach Cusco beginnt. Als die mühsame Prozedur mit den Spitzkehren hoch über Cusco losgeht, ist es bereits dunkel, so dass der Ausblick über die nächtlich erleuchtete Stadt eine Entschädigung für das umständliche Verfahren ist. (Ein Eisenbahntunnel wäre hier angebracht gewesen!)

Schließlich sind wir um 20.00 Uhr wieder in der Stadt. Ein letztes Mal gönnen wir uns eines der preiswerten und guten Abendmenüs in der Altstadt. Denn am nächsten Tag soll die lange Weiterreise nach Argentinien beginnen.

 

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